Gerhard Seifert

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Jahrgang 1922 – Ein Portrait von Robert Loest

Gerhard Seifert

Mein Flugbuch von 1998 beweist es: Gerhard Seifert war mein erster Fluglehrer. Es hätte des Nachschlagens nicht bedurft, denn der erste Flug ist noch lebhaft in meiner Erinnerung. Misstrauisch beäugte ich den „Alten“, mit dem ich in dieses lächerliche polnische Flugzeug namens „Uhu“ steigen sollte.

Längst überwunden geglaubte Vorurteile von polnischer Lotterwirtschaft blitzten auf, dazu noch dieser „Alte“. Oh Gott, worauf hatte ich mich eingelassen!

„Wie heißt Du denn, mein Freund?“ kam die schnarrende Frage. – „Robert“ erwiderte ich kleinlaut. – „Schöner deutscher Name“ war der Kommentar.

Und schon ging es hoch. Platzrunde, nicht viel los, mal links rum, mal rechts rum und schon waren wir im Endanflug zur 19, die heiß ersehnte Landebahn vor Augen.

Doch was war das: Sturzflug mit Affentempo auf die Bäume zu. Mir war völlig klar: Der „Alte“ ist tot, liegt auf dem Steuerknüppel und gleich wird es krachen. Mein kurzes Leben fetzte im Zeitraffer vorbei – dass es in einer solchen Sardinenbüchse enden sollte, hielt ich bisher nicht für möglich.

Natürlich krachte es nicht. Elegant zog der Flieger nach oben, flog sicher über die Bäume und landete sanft am Lande-T.

Mit etwas Schweiß auf der Stirn kroch ich aus der Kiste. „Toll, ja, logisch, wunderbar“ stammelte ich etwas wirr. Was Gerhard von sich gab, weiß ich natürlich nicht mehr.

Damals war der „Alte“ 76 Jahre alt, heute geht er auf die 89 zu. Er sitzt mir gegenüber, Lausbubengesicht und flinke Augen, die Stimme etwas heiser. Die Haare licht, aber dass er auf die Neunzig zugeht, hält man nicht für möglich.

Er serviert Kaffee und Kuchen, ich quatsche was von Chronik und den Fragen, die ich gern stellen möchte.

„Steht alles da drin“ fällt er mir ins Wort und reicht mir einen dicken Ordner. „Kannste mitnehmen, lies Dir alles durch“. Mir verschlägt es erstmal die Sprache. Gerhard hat im vorigen Jahr seine Stasi-Akte beantragt und bekommen. Und gibt sie mir. Einfach so.

Ich lese eine Kurzbiographie aus dem Jahr 1969: Name, Vorname: Seifert, Gerhard
Geb. am / wo: 19. Dezember 1922 / Brandenburg, Havel
Dienstgrad: Hauptmann der VP
Jetzige Tätigkeit: Leiter Munitionsbergungsbetrieb Nord
Soziale Herkunft: Arbeiterstand; sozialdemokr. Hintergrund
Abgeschlossene Berufe: Dreher, Sprengmeister, Fluglehrer, Taucher
Berufliche Entwicklung: Volksschule 1929-1937, anschließend Dreherlehrling, dann Geselle und Maschinen-Einrichter. anschließend Luftwaffe und Kriegsgefangenschaft bis 1947.

Okt.47 – Sep.48 Dreher
2.9.48 – 31.8.53 Sprengmeister, ab 1.9.53
Leiter MBB, ab 1.1.67 Angeh. d. DVP
Politische Entwicklung: 1935-1940 HJ, FDGB, DSF, GST
Ab 1960 SED
Gesellschaftl. Funktion: Flugstützpunktleiter der GST

Auszeichnungen:
1954 + 1958 Aktivist Fünfjahrplans
1959 + 1968 Verdienter Aktivist
1965: Ehrenzeichen der DVP, Meda. f. treue

Dienste in den bew. Organen d. MDI in Bronze, Silber und Gold

Militär: Nov. 1943 – 17.4.45 Soldat, Flugzeugführer
Gefangenschaft: 17.4.45 bis Sep. 47: englische, in Belgien

Familienverhältnisse: Ehefrau Christa, Sohn Wolf und Tochter Anke

Mein 85-jähriger Vater vom Jahrgang 1926, selbst noch als junger Mann an der Front und als „Werwolf“ hinter den Amerikanischen Linien, pflegte zu sagen: „Die Jungs vom Jahrgang 1920-22, die hat es am meisten erwischt. Zuerst Arbeitsdienst, dann Wehrdienst, dann Krieg, dann Gefangenschaft. Von diesen Jahrgängen gibt es nicht mehr viele.“

Gerhard hatte Glück: Während der Schulzeit betrieb er als Hobby Modellbau und wurde später in der Flieger-HJ Segelflieger. Nach Schule und Lehre arbeitete er als Dreher in der Rüstungsindustrie und war uk (unabkömmlich) geschrieben – musste also nicht gleich in den Krieg. 1943 meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe und wurde als Flugzeugführer ausgebildet. Unter anderem auch für einen eventuellen Einsatz auf der Me-163, einem der ersten deutschen Jäger mit Strahltriebwerk.

Für die Siemens-Werke testete er als Pilot neue Flugzeug-Instrumente, kam aber auch noch zum fliegerischen Einsatz, ohne jedoch in ernsthafte Luftkämpfe verwickelt zu werden.

Als Fallschirmjäger Anfang 1945 nach Holland verlegt, kämpfte er in Rückzugsgefechten und wurde von den Kanadiern gefangen genommen. Die lieferten ihn an die Briten aus. Als „Prisoner of War“ verbrachte er zwei Jahre in belgischen Kriegsgefangenenlagern. Gearbeitet wurde in der Steinkohlengrube, unter Tage.

Zwei Fluchtversuche gingen schief (mit selbst gebasteltem Kompass), beim dritten Versuch klappte es und er erreichte 1947 nach abenteuerlichem Hin- und Her seine Heimatstadt.

Krieg? Nach eigener Aussage war er damals gern Soldat und Flieger. Als Nazi erzogen wie fast alle Jungen der damaligen Zeit, Waffennarr ohnehin, kämpfte er bis kurz vor Ende des Krieges. Bevor er in Gefangenschaft ging, wurden im Kampf noch ein paar Kanadier niedergemacht – „Mit MG42 – so war das zu dieser Zeit eben!“

In seiner Heimatstadt Brandenburg angekommen, war Gerd anfangs wieder als Dreher beschäftigt und lernte seine zukünftige Frau Christa kennen, die er 1950 heiratete. Ab 1948 war er Angestellter in einem Munitionsbergungsbetrieb in Brandenburg und wurde als Sprengmeister ausgebildet.

Ab 1950 begann seine Tätigkeit im Munitionsbergungsbetrieb (MBB) in Schwerin, dessen Leitung er 1953 übernahm. Hier arbeitete er bis Ende 1966 als Zivilangestellter der DVP (Deutsche Volkspolizei). Ab 1.1.1967 erfolgte Gerhards Übernahme als Angehöriger der DVP mit dem Dienstgrad Hauptmann, 1978 wurde er zum Major befördert.

Als „Geheimnisträger“ im MBB und aktiver Segelflieger wurde Gerhard ständig von der Staatssicherheit einer „operativen“ Personenaufklärung“ unterzogen. Mindesten 12 IMs hielten das MfS auf dem neuesten Stand.

In einem Stasi-Bericht vom März 1976 heißt es zu seiner politischen Einstellung:

In Vorbereitung der Übernahme des Leiters des MBB als Angehöriger der Volkspolizei trat die Tendenz auf, mit der Übernahme nicht einverstanden zu sein. Ursache dafür war seine politische Indifferenz, die sich zu diesem Zeitpunkt bei ihm bemerkbar machte.

Inoffiziell (durch IM) wurde eingeschätzt, dass der S. politisch inaktiv im MBB auftrat und in seiner gesellschaftlichen Funktion als Fluglehrer größtenteils nur fachliche Probleme vermittelte und der konsequenten politischen Erziehungsarbeit der MBB-Angehörigen und der jungen Flugsportler aus dem Wege ging. Des weiteren ist zu vermerken, dass der S. auch in den Partei- und Gewerkschaftsversammlungen nicht genügend Aktivitäten entwickelte.

Es traten bei S. zum wiederholten Male Tendenzen der Verherrlichung westdeutscher Erzeugnisse auf, da er der Meinung ist, ein Großteil sei besser als die Erzeugnisse aus der DDR.

Seit 1958 gehört S. der SED an und inoffiziell wurde zur damaligen Zeit eingeschätzt, dass er nur Mitglied der SED geworden sei, weil er seine Stellung als MBB-Leiter halten wollte.

Seine Meinung zu politischen Themen vertrat er auch gegenüber den Mitarbeitern der Stasi und auf Parteiversammlungen, wie aus diversen Aktennotizen hervorgeht.

Gerhard blieb bis 1987 auf diesen Posten, danach ging er in die wohlverdiente Rente.

Im Jahr 1970 ging er für vier Monate in die VR Vietnam, um dort bei der Bergung und Entschärfung von amerikanischen Minen und Blindgängern aller Art zu helfen.

Die Finger von den Bomben konnte er allerdings auch nach seiner Pensionierung nicht lassen: Seine letzte Bombe – eine englische Fliegerbombe – entschärfte er 1997 im Kasernenbereich Lübsche Burg in Wismar.

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Über seine Tätigkeit als „Sprengmeister“ gibt es einen Dokumentarfilm. „Gefährliches Spielzeug“ wurde 1972 gedreht und erhielt einen Preis auf der Dokumentarfilmwoche in Leipzig.

Segelflieger in Pinnow wurde Gerhard 1958.

Zufällig kam er in die Werkstatt der GST-Sektion Segelflug in der Schweriner Külzstraße. Dort wurde fleißig gebastelt – das Wochenende stand bevor und die Flieger sollten in die Luft. Ein Wort gab das andere und Gerhard war auf dem Flugplatz. Kurze Überprüfung durch Heinz Ramm auf SG 38. Als Weltkriegspilot gab es da für Gerhard keine Probleme.

Im Jahr 1961 ging es auf die Fluglehrerschule in Schönhagen. Hier wurde er schon in den Kriegsjahren als Flugzeugführer ausgebildet. Die Prüfung als Segelfluglehrer dürfte für ihn ein Leichtes gewesen sein.

Über 30 Jahre war er Fluglehrer. Wie viele Schüler mögen durch seine Ausbildung gelaufen sein?

Egal wo man liest und was man hört: Gerhards fachliche Kompetenz – ob im Beruf oder auf dem Flugplatz – wird überall hervorgehoben. Bemängelt wurde hingegen sein mangelhafter Eifer bei der politischen Schulung der zukünftigen Piloten. „Wenn ich von sechs Stunden Ausbildung 3 Stunden Politikschulung mache, bleiben die Jungs vom Segelfliegen weg“, soll er gesagt haben.

Das Verhältnis zu den Flugschülern war kameradschaftlich. Er war lange Zeit ehrenamtlicher Leiter des GST-Stützpunktes in Pinnow und achtete auf eine gewisse Distanz zu den Schülern, was ihm möglicherweise eine effektive Ausbildung erleichterte. Andererseits sah er aber kein Problem, zusammen mit älteren Flugschülern im abgedunkelten und verschlossen Fallschirm-Raum in aller Heimlichkeit nicht ganz jugendfreie, in die DDR eingeschmuggelte skandinavische „Filmprodukte“ mit dem firmeneigenen Filmprojektor anzusehen. Die Begeisterung der Jugendlichen für die Filme und ihren Fluglehrer war grenzenlos.

Als Rentner scheidet er 1987 mit allen Ehren und Auszeichnungen aus dem aktiven Berufsleben aus. Auf dem Flugplatz aber war noch lange nicht Schluss. Wie schätzte es einer seiner zahlreichen, auf ihn angesetzten IMs ein: „Er ist durch seine langjährige Tätigkeit auf dem Flugplatz so eng mit diesem verbunden, dass er, wir haben alle so den Eindruck, ohne die Flugplatzatmosphäre nicht mehr leben kann“.

Nach der Wende war er im neuen Fliegerclub Pinnow wie zuvor als Fluglehrer tätig. Gerhard baute sich eine „Datsche“ direkt am Flugplatz und verbringt mit seiner Frau die schöne Jahreszeit draußen unter den Fliegern. In seiner „Anderen Freizeit“ bastelt er an alten Waffen und Zündern.

Anderer Sport hat ihn außer dem Schießen nie interessiert:

„Ich bin ja kein Fußballfan – von mir aus – wenn da einer Hansa sagt, das ist mir so scheißegal ob die gewinnen oder ob sie verlieren. Bei so einem Puppenclub sowieso.

Man kann das nicht ernst nehmen. Da wird der Sport zur Politik, der wird ernst genommen – obwohl doch einfach – hier auf der Straße oder auf dem Dorf – die spielen besser Fussball als die – wenn Du da zuguckst.

Fußballspielen war für mich langweilig. Auch wenn die abends auf der Bude noch Karten gedroschen haben, da habe ich mir lieber ein Buch genommen. Das war für mich interessanter als alles andere”.

Heute noch ist er in der Schiedskommission des Vereins und Alterspräsident ist er sowieso. Selten gibt es einen Streit zu schlichten, meistens ist es aus seiner Sicht „Kinderkram“. In ein Flugzeug steigt er noch gern, allerdings nur noch als Co-Pilot.

Gerhard steht auf. Er müsse erstmal nach seiner „Alten“ schauen, Ihr ginge es nicht gut. Er müsse seit einiger Zeit alles allein machen, einkaufen, Wäsche, Küche. Seine Frau ist im Wohnzimmer, macht dort ein Nickerchen.

„Mich haben immer die Frauen unterstützt. „Sicher liegt es nicht an meiner Nase“ meinte er verschmitzt … „Meine Frau hat mich damals zum Munitionsbergungsdienst geholt. Und hier in Schwerin hat mich auch ne Frau als Sprengmeister reingeholt – so dass ich das alles den Frauen zu verdanken habe. Glück hatte ich. Ich bin immer die Treppe raufgefallen, statt runter. Und besonderes Glück hatte ich mit meiner Frau“.

Robert Loest, 2011